Emil Rysler - Architekt SIA: Publikationen im Gesundheitswesen



Konstant ist nur der Wandel


Artikel in: Schweizer Spital/Hôpital Suisse, Nr. 10/1995

Der Wandel im Gesundheitswesen ist heute in jedermanns Munde. Da erscheint es sinnvoll, die neue Rubrik mit einem Thema zu beginnen, das sich mit der Anpassungsfähigkeit von Bausubstanz befasst.

Obsoleszenz (Veralten, Ungebräuchlich werden) findet statt, wie auch die Jahre stattfinden – unaufhaltsam. Die Einwirkung von Zeit kann auf verschiedenen Ebenen wahrgenommen werden:

  • auf der Ebene von Raumgrössen, Raumbeziehungen, Raumorganisation (funktionelle Obsoleszenz),
  • auf der Ebene baulicher Leistungen (Wärmedämmung, Schallschutz, Brandschutz) und technischer Ausrüstung (technische Obsoleszenz),
  • auf der Ebene von Lebensdauer (materielle Obsoleszenz),
  • auf der Ebene der Akzeptanz durch die Benutzer (Obsoleszenz von Stil und Mode).

Nehmen wir an, dass zwischen Benutzer und Nutzobjekt ein Gleichgewichtszustand herrscht – d.h. einer Summe von objektiven und subjektiven Nutzeransprüchen steht ein objektiv und subjektiv akzeptabler Leistungszustand des Nutzobjektes gegenüber – so können wir folgende Faktoren als gleichgewichtsstörend, bzw. gleichgewichtserhaltend identifizieren:

Gleichgewichtsstörend:

  • Marktbedürfnisse (Zimmergrösse, Komfort, Service),
  • Nutzungsanforderungen (Abbau von Akutbetten, Aufbau von Rehabilitationsleistungen, Outsourcing von Dienstleistungen),
  • Betriebskonzept (Teilstationär statt Stationär, Langzeit- statt Akutpflege, Outsourcing von Dienstleistungen),
  • baulicher Leistungsstandard,
  • Abnutzung, Verschleiss

Gleichgewichtserhaltend:

  • Aufnahmefähigkeit der bestehenden Anlage (Redundanz),
  • räumliche Gegebenheiten (Grösse, Zuschnitt, Zuordenbarkeit),
  • Entflochtene bauliche Strukturen (Rohbau, Ausbau, Installationen),
  • Anpassungsfähigkeit der Nutzer,
  • Unterhalt

Störungen des Gleichgewichts können verschiedene Reaktionen auslösen:

  • der Nutzer reagiert mit seinen Ansprüchen flexibel auf die baulichen Gegebenheiten, er beugt sich ihnen,
  • die baulichen Gegebenheiten lassen sich durch kurzfristige Anpassungen (z.B. Zuordnung von Räumen) an die Nutzungsansprüche adaptieren,
  • durch einen Umbau werden die die baulichen Gegebenheiten so variiert, dass sie wieder im Gleichgewicht mit den Nutzungsanforderungen stehen.

Reaktionsmöglichkeiten zur Aufrechterhaltung des Gleichgewichts zwischen Nutzung und Bau

Reaktionsmöglichkeiten der Nutzer
Reaktionsmöglichkeiten mit dem Bauwerk
bauliche Voraussetzungen
beugen
(Flexibilität)
Neuorganisation der Bedürfnisse
Ausschöpfen der Gegebenheiten (Reserven und Mehrfachnutzungsmöglichkeiten)
keine Anpassung des Bauwerks
mehrfach nutzbare bauliche Strukturen
neutrale, unspezifische Räume und Raumgruppen
anpassen
(Adaptabilität)
kurzfristige, reversible Umstellung der Nutzungsart
temporärer Verzicht
Verzicht auf Gleichzeitigkeit von Nutzungen
kurzfristige, reversible Provisorien erstellen (z.B. Zuordnung einzelner Räume zu Raumgruppen)
Raumgruppierungen mit wechselnder Zuordnungsmöglichkeit einzelner Räume
Vorhaltungen (Reserven) baulicher Leistungen
verändern
(Variabilität)
keine Anpassung der Nutzungsanforderungen
Eingriffe in die einzelnen baulichen Strukturen (Umbau, Teilersatz, Ersatz)
Entflechtung der baulichen Strukturen (Rohbau, Ausbau, Installationen)
Lage und Bemessung der baulichen Strukturen (Rohbau, Erschliessung) so, dass umgebaut werden kann, ohne den primären Bestand zu gefährden
aufgeben
Verzicht
Ausziehen
Andere, dem Bauwerk entsprechende Nutzung finden
Abbrechen
Wiederverwendbarkeit von Teilen
Entsorgungsmöglichkeiten planen

Welche Massnahme im Einzelfall sinnvoll erscheint, hängt sehr stark von den gedanklichen und materiellen Vorleistungen ab, die die ehemaligen Bauherren und Architekten dem Bauwerk mit auf den Weg gegeben haben. Sie hatten es in der Hand:

  • die Nutzung so zu strukturieren, dass sie nicht allein den spezifischen Anforderungen der vorgegebenen Funktionsgruppe gerecht wird, sondern auch mit minimalen Anpassungen andere des gleichen Nutzungstyps aufnehmen kann (z.B. bei Pflegestationen: Akutpsychiatrie anstatt Gerontopsychiatrie).
  • den Zuschnitt der einzelnen Räume und die Lage von Fenstern und Türen so neutral zu gestalten, dass viele alternative Möblierungsmöglichkeiten bestehen.
  • die baulichen Strukturen so zu entflechten, dass entsprechend der individuellen Lebensdauer Teile ersetzt werden können (z.B. frei zugängliche Installationen anstatt einbetonierte Leitungen).

Ältere Bauten entsprechen sehr oft diesem Ideal, weil die damaligen oekonomischen Gegebenheit (Baumaterial war teurer als Arbeitszeit) desintegrierte Bauweisen förderten (z.B. Tragstrukturen aus Stützen, Unterzügen und Rippendecken). Das Entdecken und Annehmen solch schlummernder Qualitäten durch die heutigen Bauherren und Architekten sind Voraussetzung für die erfolgreiche Suche nach einer der heutigen Nutzung entsprechenden Neuinterpretation der Gegebenheiten. Sie werden oftmals belohnt durch das Entdecken überraschender Lösungsmöglichkeiten.


Emil Rysler 1995



siehe auch: H. Ronner, F. Kölliker, E. Rysler: "Zahn der Zeit", Birkhäuser Verlag, Basel


 

© Rysler - 18.11.2001